Es war ein grauer, verregneter Herbstabend in Köln. Der Himmel hing tief über der Stadt, und der Dom schien im Nebel zu verschwinden. Hans, ein älterer Kölner mit wettergegerbtem Gesicht und einem Herz so groß wie der Rhein, stand an der Haltestelle Ebertplatz und wartete auf seine Bahn.
Neben ihm zitterte eine junge Frau, deren dünne Jacke den strömenden Regen kaum abhalten konnte. Ihre Haare waren nass, und ihre Hände klammerten sich hilflos um eine durchweichte Stofftasche. Hans musterte sie kurz und griff dann entschlossen in seine abgewetzte Ledertasche. Er zog seinen alten, aber immer noch treuen Regenschirm heraus und hielt ihn wortlos über sie.
„Kölsch Wetter, wa?“ sagte er schließlich und grinste unter seinem grauen Schnurrbart hervor.
Die junge Frau blickte überrascht auf und dann zu ihm hinüber. Ihre Augen verrieten eine Mischung aus Erleichterung und Unsicherheit.
„Oh, danke! Das ist wirklich nett von Ihnen,“ sagte sie zaghaft.
Hans winkte ab. „„Nett? Nett es de kleine Bruder vun Sch… ach, dat sach ich jetz besser nit. In Kölle hälft mer sich. Immer.“
Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Es war offensichtlich, dass sie sich noch nicht an diese Art von offener Freundlichkeit gewöhnt hatte. Die beiden standen eine Weile schweigend nebeneinander, bis Hans schließlich die Stille brach.
„Bist wohl neu do, hä?“
Die junge Frau nickte. „Ja, ich bin vor zwei Wochen hergezogen. Für die Arbeit. Aber ich kenne mich hier noch überhaupt nicht aus.“
Hans legte den Kopf schief und musterte sie mit einem Blick, der gleichzeitig neugierig und väterlich war.
„Dann will ich dir mol wat övver Kölle verzälle. Weißt, Kölle es keine Stadt. Kölle es e Jeföhl! Hier bisse nie allei, och wenn et sich manchmal so anfühlt. Die Lück hier schwätze dich an, hälfe dir un wenn et sin muss, teile se och ihr letzte Kölsch.“
Die Bahn rollte heran, und Hans bedeutete ihr, einzusteigen. Er hielt den Schirm weiterhin über sie, bis sie beide in der Bahn standen und die Tür sich schloss.
Während die Bahn durch die Stadt ruckelte, zeigte Hans ihr die Haltestellen, erklärte ihr, wo sie umsteigen musste, und gab ihr Tipps, welche Ecken der Stadt sie unbedingt sehen sollte. Er erzählte von der Schäl Sick, dem Veedel-Leben und natürlich vom Karneval.
„Wenn de wirklich Kölnerin werre wills, dann darfst de Karneval nit verpasse. Stell dich drop ein: Hier kriegste Bützje vun Fremde, ävver keine Sorge, dat es alles nur Jeföhl!“
Die junge Frau lachte zum ersten Mal an diesem Abend. Hans grinste zufrieden.
Als sie an ihrer Haltestelle aussteigen musste, zögerte sie kurz.
„Sind alle Kölner so?“ fragte sie dann.
Hans lachte herzhaft. „Ne, de meisten sin noch besser! Ävver pass op: Wenn de mol verlore bes oder Hälp bruchs, loor einfach jemandem in de aure un sach: ‚Ich bin neu hier. Kannste mir helfe?‘ dann häs de jlich fründe.“
Die Türen schlossen sich hinter ihr, und Hans sah durch das Fenster, wie sie ihm noch einmal zuwinkte. Sie wirkte jetzt nicht mehr verloren, sondern fast ein bisschen zu Hause.
Und so ist Köln, nicht nur eine Stadt, sondern ein Gefühl. Eine Heimat, in der jeder einen Schutzengel findet, wenn er ihn braucht und sei es nur ein alter Mann mit einem abgewetzten Regenschirm.
ps: Ich wünschte, dat (jeföhl) käm widder!
Liebe Grüsse
Alfred